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    (Photo: Abschied © Christina Voigt)
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Abschied

[…] an intimate divergence between two expectations: the expectation of the same, habituation to repetition, and the expectation of the unknown, of the way that leads toward another life.

Jaques Rancière: Bela Tarr. The Time After, 2011

Das Musiktheater Abschied widmet sich dem Zustand des Dazwischen; nach einem bereits stattgefundenen Ende und bevor etwas Neues beginnt. Aus der aktuellen Krisensituation heraus befragt das Stück den Moment nach einem abgeschlossenen Davor, zu dem es keine Rückkehr gibt. Eine Phase des Übergangs, in welcher Stagnation und Transformationsprozess gleichzeitig spürbar sind.

Der letzte Satz Adagio. Sehr langsam und noch zurückhaltend aus Gustav Mahlers 9. und letzter Sinfonie bildet dafür den Ausgangspunkt. Das Team, bestehend aus der Choreografin Milla Koistinen, dem Künstler Ladislav Zajac, dem Komponisten Ethan Brown sowie dem Regisseur und Komponisten Michael Rauter, erkundet gemeinsam mit Musiker*innen des Niedersächsischen Staatsorchesters und dem Solistenensemble Kaleidoskop diese Zeit vor einem möglichen Neubeginn. Das Adagio, ein Abgesang des monumentalen Werkes, wird für Abschied in eine neu arrangierte, durch eine Neukomposition erweiterte und im Raum choreografierte Fassung für zwölf Streicher*innen und eine Tänzerin überführt. Begleitet von einer Choreografie mit Notenständern wird das Spiel der Musiker*innen zunächst immer langsamer und leiser. Im Umgang mit den Instrumenten entstehende Nebengeräusche werden parallel zu diesem Entschwinden verstärkt, bis am Ende ein opakes Rauschen die Musik überlagert. Während das Adagio immer weiter verschwindet, tritt die verstreichende Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit und lässt die Frage offen, was nach dem Ende kommen kann. Wiederholungen, Anordnungen heterogenen Klangmaterials und punktuelle Gleichzeitigkeit bestimmen den weiteren Verlauf. Verstärkte Bewegungsgeräusche der Musiker*innen mischen sich mit Aufnahmen ähnlicher Klänge, popmusikalischen Referenzen und chorischen Elementen des Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso zu neuen, kurz auftauchenden und wieder verschwindenden Andeutungen. Die stimmlichen, gestischen und musikalischen Fragmente fügen sich aneinander, um vielleicht nur leicht verändert zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das Ende des Stückes bleibt bis zum Schluss des Probenprozesses offen.

Abschied ist der erste Teil der Kooperation NEUN des Solistenensembles Kaleidoskop mit den beiden Institutionen HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste und Staatsoper Hannover, die im Rahmen des Programms Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. Musiker*innen des Niedersächsischen Staatsorchesters stehen dabei gemeinsam mit Mitgliedern von Kaleidoskop auf der Bühne, wodurch sich traditionelle Orchesterarbeit mit der prozessorientierten Herangehensweise des freien Ensembles verbindet.

Die zweiteilige Kooperation nimmt zwei Monumente der Orchesterliteratur zum Ausgangspunkt: Die 9. Sinfonien von Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler. Die beiden Werke, 1824 und 1912 uraufgeführt, markieren Anfang und Ende der großen romantischen Form. Beethovens Neunte, bis heute an Popularität kaum übertroffen, sollte seine letzte Sinfonie bleiben. Als Schlüsselwerk der sinfonischen Musik bereitete sie jedoch den Boden für nachkommende Komponisten der Romantik. Rund 90 Jahre später scheute Mahler zunächst die Arbeit an seiner 9. Sinfonie, da er fürchtete, neben Beethoven, Schubert, Bruckner und Dvorak nicht über diese Zahl hinauszukommen und mit ihr seinen eigenen Tod herbei zu komponieren. Tatsächlich beschreibt Mahler dann mit der kurz vor seinem Tod entstandenen und erst danach zum ersten Mal aufgeführten, 9. Sinfonie den Abschied vom Leben und den Übergang in den Tod – und gleichzeitig den Zeitenübergang in eine neue (musik)historische Epoche.

Als Abschied und Beginn werden diese beiden Werke durch das Solistenensemble Kaleidoskop neu bearbeitet auf die Bühne gebracht. Das bekannte, musikalische Material wird jeweils nur in kleiner Besetzung gespielt und performativ, klanglich und räumlich neu interpretiert. Durch diese Aneignung werden die Kompositionen vom überwältigenden Pathos des großen Orchesterwerks befreit und das vielschichtige Potential der Werke freigelegt. Kaleidoskop schafft damit erneut Musiktheater, das Hörgewohnheiten verschiebt und die Körperlichkeit der Musik sowie der Musikmachenden selbst in den Mittelpunkt stellt. Die Musiker*innen bilden keinen einheitlichen, homogen zusammenspielenden Klangkörper, wie es das Musizieren von Sinfonien im klassischen Orchester nahelegt. Vielmehr wird die Heterogenität der Spieler*innen und ihre individuelle Auseinandersetzung mit dem Werk ernst genommen und im Bühnenraum sicht- und hörbar gemacht. Die Musiker*innen werden dadurch zu aktiven Erzähler*innen von und mit ihrer Musik.

Solistenensemble Kaleidoskop
Solist*innen des Niedersächsischen Staatsorchesters

Regie: Michael Rauter
Choreografie: Milla Koistinen, Michael Rauter
Tanz: Fanny Didelot
Musikalische Leitung, Komposition: Ethan Braun
Bühne, Licht: Ladislav Zajac
Sounddesign: Johann Günther
Dramaturgie: Maja Zimmermann
Kostüm: Johanna Perret

Im Rahmen des Projektes NEUN in Zusammenarbeit von Solistenensemble Kaleidoskop mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste und der Staatsoper Hannover, gefördert im Programm Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.

                   

Die Aufführungen in Berlin finden in Kooperation mit dem Radialsystem statt und sind gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

              

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